|
Artikelübersicht Terminkalender 2010 August Archiv: Juni 2010 |
Kinder und JugendrechteSeiteninhalt (hide) Piepegal ist keine MeinungIm Kinderrechte-Dorf lernen Acht- bis Zwölfjährige, sich für ihre Interessen einzusetzen Als erstes hört man laute Kotzgeräusche. Sie kommen von einem Kind, das ein sich übergebendes Känguru imitiert. Ein anderes hüpft auf der Stelle – es ist ein Toaster. Und bei der Waschmaschine drehen sich Kopf und Oberkörper wie verrückt im Kreis. Ein Morgen im Ferienlager für Kinderrechte und Demokratielernen. Der Spaß steht im Vordergrund, auch wenn Kinderrechte für Erwachsene vielleicht theoretisch klingen mögen. Wo Kinder das Sagen haben, gibt es eher mehr als weniger Spaß. Kaum einer hier weiß überhaupt etwas mit dem abstrakten Wort anzufangen: Marc zuckt mit den Schultern und redet dann von Tischtennis und Trampolin. Und Jolanda hat zwar Antworten, aber die hat sie aus den Glückskeksen, in denen hier eben Zettel mit Kinderrechten eingebacken sind. Wichtiger als die Theorie ist die Praxis. Und die wird zehn Tage lang gelebt im Kinderrechte-Dorf im brandenburgischen Bad Freienwalde. In den Arbeitsgruppen, im Familien- und Dorfrat. »Hier können die Kinder entscheiden. In der Schule sind es immer die Lehrer«, sagt die zwölfjährige Samira. Die Mädchen und Jungen wuseln über den von hohen Eichen beschatteten Platz. Samira balanciert mit einem Teller auf einem Band, zwei Jungs schleifen große Holzstöcke glatt, Kinder halten sich gegenseitig Mikros vors Gesicht und schwenken mit der Kamera auch mal auf die echten Reporter vom RBB, die an diesem Tag vorbeischauen. Normaler Ferienalltag, der allerdings auf nicht ganz alltägliche Weise zustande kommt. Denn Mitbestimmen muss erst mal gelernt werden. Kinder sind von Schule und Eltern meist gar nicht gewohnt, mit ihren Vorschlägen ernst genommen zu werden. In der Film-Arbeitsgruppe wird beraten, was heute gedreht werden soll. Horrorfilm, Monsterfilm, Werbung, Nachrichten? Zwei Mädchen haben klare Vorstellungen. Sie finden das Thema Freundschaft gut. Der Rest enthält sich bei der Abstimmung. »Ist mir egal«, sagt eine und weckt damit Begeisterung im Raum, allerdings nicht für die Entscheidung, sondern für das Wort. Es macht die Runde: »piepegal«, sagt der Nächste, »schnurzpiepegal« die Übernächste. Betreuer Julio ist unzufrieden. Das heimliche Erwachsenendrehbuch sagt, dass Kinder lernen sollen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu artikulieren. Und das klappt hier gerade noch gar nicht. Und so erklärt er, was es heißt, sich nicht zu beteiligen: »Der Mehrheit ist es egal. Das bedeutet, dass die Minderheit mit ihrem Vorschlag durchkommt. Das muss euch klar sein.« Plätzchen fürs Baumhaus Am Morgen gab es kein Egal. Fast 40 Kinder mussten sich selbst auf die sechs Arbeitsgruppen verteilen. Das ist gar nicht so einfach, wenn das Ziel ist, dass alle in etwa gleich groß sind. Und bei Kindern, die zwischen acht und zwölf Jahre alt sind, zählt zunächst erst mal der eigene Lieblingswunsch. Nach einigem Hin- und Hergewechsel stimmt die Anzahl jedoch und die Kontrollfrage: »Sind alle Kinder zufrieden?« wird mit einem vielstimmigen »Ja!« beantwortet. Das neue Verfahren hat sich bewährt. Die Tage davor musste jeder drei Prioriäten aufschreiben und der neunköpfige Dorfrat hat dann die Gruppen eingeteilt. Das war aufwändig und auch noch frustig. Deshalb hat sich die »Kinderregierung« etwas Neues ausgedacht: Was vorher eine dreiviertel Stunde dauerte, ist nun in fünf Minuten abgehakt. Aus Sicht der Betreuer ist damit auch die erste Übung des Tages in Sachen Kompromissbereitschaft bestanden Der Dorfrat, in den jede Kleingruppe, die »Familien«, einen oder zwei Vertreter entsandt hat, trifft wichtige Entscheidungen für den Alltag im Camp. »Sonst wäre es ein großes Durcheinander, wenn jeder allein entscheidet«, erklärt Jonas. Der Elfjährige hat schon über die Frühstückszeiten, den Kauf von Süßigkeitennachschub und das AG-Programm abgestimmt. »Das war schwer«, sagt er, weil es nur sechs AGs geben kann. »Wenn wir mehr wollten, brauchten wir 100 Betreuer«, zeigt er sich einsichtig. Die Dorfzeitung, ein Vorschlag der Betreuer, hat es nicht ins Programm geschafft. Die Erwachsenen müssen damit leben, dass Kinder doof finden, was sie sich ausgedacht haben. Sie begleiten und unterstützen, greifen aber selbst wenig ein. »Ermöglicher« nennt Projektleiterin Helga Thomé ihr Elferteam. Das Ferienlager ist der Abschluss des dreijährigen Modellprojekts »Kinderrechte in Eberswalde« der Bürgerstiftung Barnim Uckermark. Es soll Kindern beibringen, ihr Leben selbst zu bestimmen. Kern von Demokratie und Rezeptur gegen autoritäre Ideen. Für das Camp hat Thomé noch einmal extra Gelder aufgetrieben. Ob es das Kinderdorf nächstes Jahr wieder geben wird, ist unklar. Thomés Stelle läuft aus. Was haben Arbeitsgruppen zum Plätzchenbacken mit Kinderrechten zu tun? Die Antwort liegt für Jonas auf der Hand: »Das haben wir uns selbst ausgedacht und organisiert.« Das Gebäck ist für das Lesecafé im Baumhaus. Und nun formen ein paar Mädchen und Jungen Teig zu Schlangen und Talern. Als nächstes würde Jonas gern noch eine Spiele-AG einrichten. Der Junge ist optimistisch. Cathleen dagegen beschwert sich: »Ich würde gern schwimmen gehen.« Doch das mache der Dorfrat einfach nicht. Helga Thomé beunruhigt das nicht. Im Gegenteil. Es gehört zum gewünschten Lernprozess. Die Kinder sollen lernen, dass sie sich zusammentun müssen, wenn sie etwas wollen. Funktioniert habe das beim Baumhaus, in dem einige Kinder übernachten wollten. Grundsätzlich hatte niemand etwas einzuwenden. »Sie sollten aber ein paar Voraussetzungen klären«, erzählt Thomé: einen Plan machen, wer dort schlafen darf und einen Betreuer finden, der aufpasst. Und dann sind die Kinder durch die Schlafräume gezogen und haben innerhalb kürzester Zeit weitere mit der Idee angesteckt, eine Aufsichtsperson gefunden und ein Konzept entwickelt. An einem Tag sollen nur Mädchen, am anderen nur Jungen in den Wipfeln schlafen. Lehrbuchmäßig. »Bildungsbürgerkinder können das alles schneller«, weiß Thomé. Sie sind diese Art der Beteiligung aus Jugendparlamenten oder Schülervertretungen mehr gewohnt als sozial benachteiligte Kinder, die in Mitbestimmungsgremien auffällig unterrepräsentiert sind. »Sie lernen hier oft erst mal durch Beobachten.« Mehr als die Hälfte der Kinder stammt aus sozial schwachen Familien. Von zehn bis 190 Euro zahlen die Eltern, je nach Verdienst. »Die soziale Mischung war uns wichtig«, sagt Thomé. Nicht nur, um diejenigen zu erreichen, die sonst nie zu Workshops gehen. Auch wegen der Bürgerkinder, die durch Wohnort oder Schultyp von den Lebensrealitäten ärmerer Familien abgeschottet aufwachsen. Hier lernen sie alle gemeinsam Demokratie im Kleinen. Vertrauen und Geduld Am Mittag wird es plötzlich ganz ruhig im Waldlager. Alle versammeln sich mit den Erwachsenen zum Familienrat. Bei den kleinen Runden darf niemand von außerhalb dabei sein. Denn die Kinder reden hier über ihre Wünsche, Heimweh, Mobbing oder eben das Baumhaus. Was alle im Dorf betrifft, wird in den Dorfrat weitergeleitet. Ein Junge will in eine andere »Familie« wechseln, das ist heute überall Thema. Mit leuchtenden Augen berichtet Helga Thomé von den Reaktionen. Das sei ja nur eine Einzelmeinung, habe sie gehört; dann müssten auch andere Einzelwünsche wie Pferdereiten erfüllt werden; ein Junge sei dadurch auf die Idee gekommen, einen aus seiner Gruppe auszuschließen, der ihn immer als »Fidschi« beschimpft. Thomé beobachtet das alles mit Spannung. »Mal sehen, wie das weitergeht. Vielleicht ist hier morgen ja alles ganz anders.« Wer Kinder wenig mitreden lassen will, sagt gern, das würde sie überfordern. Im Kinderrechte-Dorf sieht es nicht so aus. Die Kinder kommen ganz gut damit klar. Eine Herausforderung ist das Konzept aber für die Erwachsenen. Sie müssen flexibel sein und ihren Besserwisser-Impuls kontrollieren. Wer hier arbeitet, hat Vertrauen in die Kinder und viel, viel Geduld. »Die kommen auf alles selbst, nur auf anderem Wege, als man denkt«, sagt Betreuer Alex Kleinau. Das Ergebnis von Tony und Francis in der Radio-AG kann sich jedenfalls selbst bei den Profis sehen lassen. Ihre Anmoderation geht so: »Guten Tag, mein Name ist Tony. Und das ist das Kinderrechte-Dorfradio. Das Kinderrechte-Dorf ist ein tolles Camp. Ihr werdet ganz viel erleben, coole AGs und nette Betreuer, natürlich auch coole Spiele, Schwimmen und Wanderungen zu schönen Seen. Und jetzt wechsle ich zu meinem Freund Francis.«
Quelle: ND, 12.08.2010 |